Freie Schulwahl auf der Oberstufe? Die Antwort heisst Nein

Montag, 17. Januar 2011
Helga Klee

Volksabstimmung vom 13. Februar

Wenn von den Befürwortern der freien Schulwahl gesagt wird, dass die freie Schulwahl den Wettbewerb unter den Schulen fördere und damit auch die Qualität, so finde ich das nicht korrekt. Wenn der freie Wettbewerb wirklich das Beste wäre, hätte er sich auch in der Wirtschaft durchgesetzt.
Aber auch in der Wirtschaft greift der Staat regulierend ein. Das Problem sind nämlich Wettbewerbsverzerrungen, die gerade auch bei Bildungsanbietern vorkommen. Tatsache ist zum Beispiel, dass derzeit die privaten Gymnasien nicht gleich intensiv vom Staat begleitet werden wie die Kantonsschulen. Wenn der Wettbewerb verstärkt wird, müsste gleichzeitig die staatliche Qualitätskontrolle verstärkt werden. Dass die Qualität durch die Marktmechanismen reguliert wird, glaube ich für den Bildungsbereich weniger. Bildungsinstitutionen sind eben keine Autoproduktionsanlagen. Kommt dazu, dass alle Länder, welche die freie Schulwahl kennen, Schulen  für gut Situierte und weniger gut Situierte eingerichtet haben. In Holland gibt es gar Schulen für Kinder weisser und solche für Kinder schwarzer Hautfarbe. Es gilt auch zu bedenken, dass in den Schulen die Anzahl Klassen Kosten verursachen, sobald keine Optimierung mehr möglich ist, kostet es Millionen mehr an Steuerfranken.  

Mut zur Leistung
Was wir brauchen ist eine Volksschule, die nicht Mittelmass ist, sondern den Mut hat, Leistungen zu verlangen. Dass das in unserem Kanton auch gemacht wird, bestätigen die kürzlich veröffentlichten Pisa-Resultate. Wir dürfen stolz sein auf unsere st. gallischen Schulen. Es ist das Verdienst der guten Förderung durch die Lehrpersonen, die in den Schulzimmern täglich hervorragende Arbeit leisten. Wollen wir nun wirklich etwas, auf das wir stolz sein dürfen, einer Modeströmung opfern? Ich nicht. Gerade weil nicht jedes Kind die gleichen Bedürfnisse hat, würden sich bei freier Schulwahl private Schulen stärker auf bestimmte Segmente ausrichten, wo sie sich spezialisieren können. Aber welcher private Anbieter wird sich auf schwierige Kinder spezialisieren wollen?

Begabte gezielt fördern
Für mich ist es wichtig, dass wir an unseren Schulen eine gute Durchmischung von Schülerinnen und Schülern haben, wie es eben auch die Gesellschaft darstellt, mit der wir zusammenleben. Wenn sich der Staat aus dieser Verantwortung stiehlt und an gibt, die Eltern könnten ja selbst für ihre Kinder die beste Schule aussuchen, dann findet eine Segregation statt. Zugegeben, das gibt es heute schon, aber noch müssen die Eltern die Kosten der privaten Schule selber berappen. Viel wichtiger als die freie Schulwahl ist mir die Förderung aller Kinder, besonders auch der Begabten. Natürlich kann kein Schulsystem fehlende häusliche Förderung der Kinder voll wettmachen; aber in einem gewissen Mass eben doch. Wenn nicht an allen Schulen diese Möglichkeiten voll ausgeschöpft werden, dann betrügen wir einen beträchtlichen Teil der begabten Kinder um ihre Chancen. Und wir schädigen die Volkswirtschaft, indem wir das Potenzial der eigentlich zur Verfügung stehenden Fachkräfte nicht auf die Bühne bringen.

Einstehen fürs liberale Erbe
Abschliessend erinnere ich daran: Die Sicherstellung einer guten öffentlichen Schule ist eine der Errungenschaften der Liberalen. Freie Bildung für alle funktionierte in den vergangenen 200 Jahren hervorragend und wird es auch in Zukunft. Deshalb lege ich am 13. Februar aus Überzeugung ein Nein in die Urne und empfehle den Stimmberechtigten dies ebenfalls zu tun.  


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